Asphaltflimmern

Ein Film von Johannes Hebedanz

Stab:
Buch: Johannes Hebendanz
Regie: Johannes Hebendanz
Schnitt: Johannes Hebendanz
Kamera: Peter Krause
Musik: Wolfgang von Henko
Produktion: Bruno Knoche Film GmbH, Hamburg
Redaktion: Das kleine Fernsehspiel, Elke Müller

Darsteller:
Ge a Fati Sengül
Micka Thorsten Schätz
Philipa Oda Pretschner

Adolf-Grimme-Preis 1995
Publikumspreis ,,Fliegender Ochse'' Filmfest Schwerin 1995
Otto-Sprenger-Nachwuchspreis 1995
Prädikat ''wertvoll''

BRD 1994 35 mm, Farbe, 81 Min.

Es ist Nacht. Der halbstarke Micka hat gerade ein Auto aufgebrochen und versucht, es kurzzuschließen. Plötzlich Schritte...Er versteckt sich auf der Rückbank.Der kleine Gena bricht den Wagen in der gleichen Absicht auf. Die nun folgende Auseinandersetzung zwischen den beiden wird jäh durch eine Polizeistreife unterbrochen.Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht und dies ist der Beginn einer Freundschaft und einer langen Reise durch Ostdeutschland. Mit diesen Szenen sind wir in einem Road-Movie; spannend, mit Abenteuerromantik und Träumen von Freiheit. Und es beginnt ein Film über Freundschaft, über Gefühle, die unter der rauhen Schale und den ruppigen Dialogen nicht lange verborgen bleiben. Der Film lebt von großer Authentizität und Leichtigkeit

Inhalt:

ASPHALTFLIMMERN erzählt die Geschichte von drei jungen Menschen in Deutschland heute, die nur eines gemeinsam haben:sie sind heimatlos, verloren,jeder auf seine Weise. Der zwölfjährige Gena aus Rumänien, dessen Eltern abgeschoben wurden und der sich selber der Abschiebung entziehen konnte, begegnet dem Halbstarken Micka bei dem Versuch, den selben Wagen zu stehlen. Bei ihrem Streit um die Beute übersehen sie, daß die Polizei sie längst entdeckt hat. Es gelingt den beiden zu fliehen, und hier beginnt ihre unfreiwillige Geschichte.
Micka, ein sensibler Rowdy, begleitet Gena spontan auf dessen Suche nach seinem Bruder, der sich irgendwo in Ostdeutschland aufhält. Micka hat eigentlich für Ausländer nicht viel übrig, aber weil ihn zuhause doch nur Ärger erwarten würde und er im Grunde nichts besseres zu tun hat, begleitet er Gena. Auf einer Raststätte lernen sie die junge Kellnerin und Gelegenheitsdiebin Philipa kennen, die durch den Versuch der Jungen, die Zeche zu prellen, ihre Arbeit verliert. Ihr bleibt keine Wahl: Sie muß mit den Jungen zusammen abhauen.
Zwischen den drei ungleichen Ausreißern entwickelt sich eine zarte Freundschaft, die allerdings immer wieder auf die Probe gestellt wird. Die drei bewegen sich ständig am Rande der Legalität. Sie reisen quer durch Ostdeutschland, ohne Geld und mit ständig wechselnden gestohlenen Autos, auf der Suche nach Genas Bruder. Als sie nach vielen Irrfahrten endlich das Haus ausfindig machen, in dem sich Genas Bruder versteckt hält, scheint sich nun auch ihr Weg zu trennen: Es gibt eigentlich keinen Grund mehr, gemeinsam weiter zu fahren...
ASPHALTFLIMMERN versucht, einem Lebensgefühl nachzuspüren, das zu einem großen Teil aus Orientierungslosigkeit besteht, die hinter einer coolen Fassade versteckt wird. Die Ziellosigkeit der drei Jugendlichen wird nur durch Genas Suche nach seinem Bruder in eine Richtung gelenkt. Die drei finden Stabilität nur durch dieses Ziel und nur in der ständigen Bewegung; sei es in immer wieder neu gestohlene Wagen, sei es in langen unfreiwilligen Fußmärschen. Während ihrer langen Reise entdecken die drei nicht nur die neuen Bundesländer, sondern es entwickelt sich zwischen den drei Einzelkämpfern Gemeinschaftsgefühl und Solidarität.
Der Film zeigt die Trostlosigkeit der Jugendlichen, aber auch ihre Melancholie, die sich immer wieder ihren Weg bahnt - er zeigt aber vor allem die Kraft, die trotz aller Verunsicherungen in ihnen steckt.

Aus einem Gespräch mit Johannes Hebendanz:

Gudula Meinzolt:Von welcher Idee,von welchem Interesse bist Du beim Schreiben des Drehbuchs ausgegangen?

Johannes Hebendanz: Als Jugendlicher fand ich die Idee sehr faszinierend, einfach ein Auto zu klauen und damit abzuhauen. Ich habe es nie gemacht und war auch nie in solchen Kreisen. Aber vor allem haben mich die drei Charaktere interessiert. Jeder der drei ist auf seine eigene Art und Weise entwurzelt, heimatlos, Außenseiter.(...)
Es ging mir darum, eine kleine Traumwelt zu schaffen, auch wenn die drei nach wie vor recht hart miteinander umgehen. Man fragt sich ja, warum bleiben sie eigentlich zusammen? Aber die ganze Situation schweißt sie zusammen und sie finden ja auch im Verlauf des Films langsam zueinander. Das wird nie ausgesprochen, dafür gibt es nur winzige Anzeichen.

G.M.: Hätte eine Stadt als Schauplatz diese Konzentration und die Möglichkeit, zusammenzufinden, icht zugelassen?

J.H.: Der Film könnte nicht in der Großstadt spielen, die Protagonisten würden nicht zusammenbleiben. Es ist u.a. deshalb ein Road-Movie, weil es keine andere Möglichkeit gibt, sie zusammenzuführen und zusammenzulassen. Über die Reise und die Bewegung lernen sie sich dann mehr und mehr kennen und schätzen. Obwohl es unausgesprochen bleibt, begreifen sie, daß sie nichts anderes haben als sich selbst. Ich wollte das aber nicht als ''Botschaft'' über den Film schreiben. Darüber denkt man vielleicht am Schluß nach.

G.M.: Die Idee zum Drehbuch entstand ca.1989/90, noch vor der Maueröffnung. Im Sommer 1993 wurde gedreht. Wie hat sich das Drehbuch in dieser Zeit verändert?

J.H.: Die allererste Idee hatte ich noch vor der Maueröffnung. Nach diesem Ereignis habe ich ein Exposè geschrieben, in dem sehr viel von dem, was dann passiert, vorweggenommen war. Ich meine die Ausländerfeindlichkeit, die so extrem ausgeartet ist. Aber je mehr das alles passierte und je länger ich mit dem Drehbuch befaßte, desto mehr wußte ich, daß das aus dem Drehbuch verschwinden mußte. Mich interessierten immer mehr die drei Personen, und ich wollte zeitloser sein. Rechtsradikalismus und der innerdeutsche Ost-West-Konflikt sind nicht Hauptthema dieses Films. Aber es war für mich wichtig, einen ostdeutschen Charakter in den Film zu nehmen, weil das in die Zeit gehört. Diese Wurzellosigkeit, um die es mir bei den drei Charakteren ging, ist in der ehemaligen DDR ein sehr typisches Phänomen. Die drei Personen haben das gleiche Problem, aber es ist bei jedem anders geartet und hat andere Ursachen, wie zum Beispiel die Flüchtlingsproblematik und Ausländerfeindlichkeit oder eben die
Zerstörung der kulturellen Identität der DDR.

G.M.: Wolltest Du deshalb keine professionellen Schauspieler haben, damit die Lebenserfahrung der Darsteller in den Film mit einfließen? Inwieweit sind sie tatsächlich in das Drehbuch integriert worden?

J.H.: Das Drehbuch war nicht auf Improvisation angelegt. Aber es hat sich während des Drehens stark verändert, aufgrund der Kinder, die nur ein begrenztes Spektrum an Möglichkeiten haben, einen Text zu sprechen und den dann für sich modifizieren. Was das Lernen von Texten angeht hatten die drei ein ganz unterschiedliches Niveau. Das zusammenzukriegen war sehr schwierig. Die Möglichkeiten für Laien sind einfach begrenzt. Man kann nicht sagen: mach das doch mal ganz anders. Ich hab die Texte und Szenen an die Möglichkeiten angepasst, an das, was umsetzbar war. Es gab Dinge, die rausgeflogen sind, weil sie für sie nicht machbar, nicht sprechbar waren. Es war zum Teil auch sehr schwierig, zu vermitteln, was Fiktion und was Realität ist, was ist die Person und was ist die Figur. Im Nachhinein bin ich aber froh, daß ich den Film mit Laienschauspielern gedreht habe, denn dadurch wird die Geschichte authentisch. Wenn jemand diesen Background nicht hat, kann er das nicht so spielen. In der Begründung für die Verleihung des Adolf-Grimme-Preises heißt es u.a.:
''Immer wieder bricht Hebendanz den Erzählfluß seines Films mit überraschenden Wendungen, reißt Szenen bloß an, spielt mit den Erwartungen des Publikums und überläßt es dem Zuschauer, die Freiräume mit eigenen Seherfahrungen zu füllen. Eine ahezu perfekte Darstellerführung, herrlich trockene Dialoge, eine Kameraführung, die eigentlich trostlose Situationen der drei Ausreißer immer wieder mit überhöht schönen Aufnahmen konterkariert, machen dieses Road- Movie zu einem Fernsehfilm von selten gewordener Stringenz.''

Erste Pressestimmen:
''...Der junge Regisseur Johannes Hebendanz porträtiert (..)sehr überzeugend und eindringlich drei Jugendliche von heute und ihre alles dominierende Orientierungslosigkeit...Da es sich bei den Schauspielern um 'tatsächliche'Außenseiter handelt, die ihre Rollen nur wenig spielen müssen, vermischen sich in diesem faszinierenden Film rasch Realität und Fiktion auf das Erstaunlichste.''
(Münchner Merkur)

''...Der eigenwillige Erstfilm war ein faszinierendes Gemisch aus Realismus und Eulenspiegelei, von Traurigkeit und Heiterkeit. Die Regie baut weniger auf Action. Sie setzt mehr auf sorgfältig ausgemalte Milieuszenen. Und vor allem auf genauste Charakterisierung des Hauptdarsteller-Trios...'
(Hamburger Abendblatt)

''...Johannes Hebendanz inszenierte in schönen Bildern die Ziel-und Trostlosigkeit der 'Generation X', der Kids in der Ellenbogengesellschaft der Neunziger (...) Knapp und treffend in den Dialogen, ausschweifend in den Bildern, fing der Film viel vom Lebensgefühl dieser Jugendlichen ein und blieb dabei in seiner Sprache durch und durch authentisch.Mit gut beobachteten Details begleitete Hebendanz seine Akteure mal verträumt, mal mit schwarzem Humor auf ihrer Reise. Ein spannender Road-Movie...'
(Südkurier)

''Die Reise als literarische Metapher, ein altes Kunstmuster, hier von dem jungen Filmemacher ganz neu erzählt. Die Außenwelt ist das Universum; Innenwelten flimmern nur kurz zwischen den Stakkato- Dialogen auf. Genug, um Gefühle zu verraten und zu verbreiten....''
(Süddeutsche Zeitung)

Johannes Hebendanz
geboren1960 in Münster
1980-82 Ausbildung als Fotograf in Berlin
1986-90 Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg
seit 1990 Arbeit als Regisseur, Autor, Aufnahmeleiter und Regieassistent für verschiedene Werbe-und Fernsehfilmproduktionen

Filme:
1987 Das Geschenk, 9 Min, 16 mm
Kamera, Regie und Produktion
1989 Der Ausflug, 20 Min., 16 mm
Regie, Buch und Produktion

1993/94 ASPHALTFLIMMERN
Anläßlich der Verleihung des Otto-Sprenger-Nachwuchspreises 1995 an Johannes Hebendanz für seinen Erstlingsfilm ,,Asphaltflimmern,, hat der Film auf dem Hamburger Filmfest in den Zeisehallen am 21.9.1995, 17:00 Uhr eine Vorpremiere. Kinostart:November 1995.

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