Tunten lügen nicht

Vier mutwillige Tunten trafen sich Mitte der 80ziger Jahre in Westberlin:
Seitdem befruchten sie die deutsche Kulturlandschaft und den Rest der Welt.
Rosa von Praunheim hatte das Glück, mit jeder von ihnen in verschiedenen Filmen immer wieder zu arbeiten. Allen ist gemeinsam, dass sie nicht nur Showtunten sind, sondern sich auch politisch engagieren: Aids-Aufklärung, Aktionen gegen schwule Gewalt, Hurenbewegung, Kampf gegen Rechts und Rassismus.
Teilweise wohnten alle vier als Wahlfamilie auf einem Berliner Hausboot zusammen und entwickelten gemeinsam ihre Shows, Politaktionen und Medienauftritte.
Tunte zu sein, bedeutet für alle mehr, als nur Kleider zu tragen und Strass zu horten.
Ihre ersten Auftritte hatten die Tunten im Berliner Schwulenzentrum „Schwuz“ und später überall in Berlin und Deutschland. Zwei von ihnen sind HIV positiv und engagieren sich seither im Kampf fürs Leben.
Ein Film über diese vier eigenwilligen, mutigen Tunten zeigt einen wichtigen Teil Berliner Kultur. Ihre Biographien sind so bunt wie ein Paillettenkleid, das durch den roten Faden des Tuntendaseins zusammengehalten wird. Unzählige Fotos, TV-Material, Plakate und Zeitungsartikel werden von ihnen akribisch gesammelt.
Alle vier arbeiten, streiten und lieben immer wieder gemeinsam, denn sie verstehen sich als Familie und nur der Tod kann sie trennen.

Ichgola Androgyn
kommt ursprünglich aus dem Niederrheinischen, wo sie eine Ausbildung als Krankenpfleger absolvierte, studierte dann in Berlin Akrobatik und Tanz, trat in vielen Varietes auf. Gleichzeitig gründete sie die erste HIV- Pflegestation. In ihren Bühnenshows erfand sie die Figur der „Klär Grube“, einer alten frechen Frau, die aufklärt und amüsiert. Ab 1994 arbeitete sie als Schauspielerin, im Theaterensemble von Walter Bockmeier in Köln und spielte in vielen Filmen mit, z.B. die junge Charlotte von Mahlsdorf in dem Film „Ich bin meine eigene Frau“ (Praunheim).

Bev StroganoV
Modedesignerin, studierte zunächst Theologie in Münster, dann Mode im Berliner Letteverein. Ihre bizarre Mode für Tunten erregte in Berlin schnell großes Aufsehen, so dass sie 1989 Deutschlands ersten Tuntenbedarfsladen (Dragstore) eröffnen konnte. Mit dabei Ichgola Androgyn. 1990 gründete sie mit Rosa von Praunheim das erste deutsche schwule Fernsehen. Seitdem hat sie unzählige Modeshows, Bühnen und Partyausstattungen mit großer Presseresonanz durchgeführt. Ihre Mode hat auch immer eine sozialkritische Aussage, z. B die rote Aids-Schleife als Abendkleid, den rosa Winkel als T-Shirt, das Hängerchen übers Hörnchen.
Jedes Jahr arbeitet sie als Organisatorin für den schwul-lesbischen Filmpreis „Teddy Award“ und ist Partyveranstalterin im BKA Luftschloss in Berlin-Mitte.

Tima die Göttliche
ursprünglich aus München, begann eine Schneiderlehre in Berlin. 1985 Mitbegründerin des legendären Tuntenensembles „Ladies Neid“. Ab 1989 diverse Chansonprogramme, unter anderem mit selbstgeschriebenen Texten („Titanic-Tunten und Tiere zuerst“). Viele Theater-, Film- und Bühnenengagements in Frauenrollen.
1998 konnte sie in Rosas Film „Der Einstein des Sex“ in der Rolle des Dorchens dem Publikum beweisen, dass sie eine ernstzunehmende große Schauspielerin ist. Sie begleitete den Film zu Premieren auf der ganzen Welt (Südkorea bis Istanbul). Derzeit arbeitet sie an einem neuen Soloprogramm, „In Tima geht’s nicht“.

Ovo Maltine
1987 floh Christoph Josten vor seiner Großfamilie im Rheinland, um in Berlin ein neues Leben als Ovo Maltine zu beginnen. Durch ihre Zusammenarbeit mit der Berliner Tuntenszene konnte sie sich als eloquente Moderatorin profilieren. (Straßenfeste, Open Air Veranstaltungen, Aids Benefize). An der Berliner Volksbühne hatte sie eine ständige Kabarettshow.
Seitdem erklärt sie jedem, der es wissen will, was Queer, Transgender und Intersexualität bedeuten. 1992 erfuhr sie, dass sie HIV-positiv ist und kämpft seither gegen die Pharmakonzerne.
1997 gestaltete sie das Rahmenprogramm zur Ausstellung „100 Jahre Schwulenbewegung“ in der Akademie der Künste und führte in dem gleichnamigen Film von Rosa von Praunheim durch die schwule Geschichte.
1998 beteiligte sie sich am Bundestagswahlkampf mit dem Ziel, als erste bekennende Tunte ins Parlament gewählt zu werden. Ihre Kandidatur bekam ein großes Presseecho und brachte ihr 534 Wählerstimmen ein.
Sie ist inzwischen eine glaubwürdige Stimme der Berliner „Queer“-Bewegung.

Pressestimmen:
„Rosa von Praunheim ist bei seinen Fans beliebt, bei anderen gefürchtet.
Viele nervt es, daß er als Berufs-Schwuler in den Medien mit immer neuen Filmen zu dem einen alten Thema kommt, das schon der Titel seines ersten Erfolges umriss: NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS, SONDERN DIE SITUATION IN DER ER LEBT.
Gut 30 Jahre ist das her und Rosa von Praunheim macht unverdrossen weiter.
Es geht auch hier - wie sollte es anders sein - um schwule Männer. Nicht um Transsexuelle, nicht um Transvestiten, sondern um Männer, die gern als Frauen schön sind: Tunten. Was viele für ein Schimpfwort halten, ist eine ziemlich präzise Bezeichnung.
Wenn ich so vertraut mit Leuten bin, die die immer ähnlichen Praunheim-Filme nerven, dann rede ich auch von mir selbst.
Oft interessiert mich das nicht mit dieser aufgesetzten, ausgedachten Schrägheit, mit den zu schrillen Tönen.
Aber auch Rosa von Praunheim kommt in die Jahre. Eine gelassene Reife kann man ihm nicht absprechen. Und die bekommt den Filmen. Hier wird kaum nach Effekten geschielt, hier ist er ganz bei der Sache und die Sache, das sind vier interessante Menschen. Hier wird das Schwulsein nicht mehr stolz präsentiert, auf dem Anderssein triumphierend herumstolziert. Das erleichtert den Zugang, mühelos kann man sich dafür interessieren.“
MUWIE-TIP
Tunten und ihre Sorgen, unprätenziös, interessant. (Michael Strauven) , SFB

„Die vier bestens bekannten Tunten, im Mittelpunkt von Rosa von Praunheims neuem Film, geben mit erstaunlicher Offenheit Auskunft über sich: ihre Herkunft, ihre Wünsche, Träume, Verletzungen, ihr Coming-out, das erste Mal, die große Liebe, den Umgang mit Aids und der eigenen HIV-Infektion oder Anfeindungen und Vorurteile – Themen, die fast jeden schwulen Mann begleiten. Die Unterschiede in ihren jeweiligen Lebenswegen und Ansichten sind deutlich. Gemeinsam ist ihnen allerdings nicht nur, dass sie Showtunten sind, sondern auch ihr großes politisches Engagement. Erlebt haben sie schon Einiges miteinander, und so ist der Film auch eine nostalgische Rückblende auf die letzten fünfzehn Jahre schwulen Lebens in Berlin (West): die Anfänge im SchwuZ, die Gründung von HIV e.V. oder Aktionen von ActUp. Wenn Ovo das Verschwinden der Klappen beklagt, dürfte sie so manch einem aus dem Herzen (oder woraus auch immer) sprechen. Natürlich gibt es auch Ausschnitte aus Bühnen- und Filmauftritten der vier und einen Blick in die Fotoalben.
Selbst wer mit Tunten bisher wenig anfangen konnte, wird hier sicher auf seine Kosten kommen.“
Thorsten Sandner, Siegessäule
Februar 2002

Das Leben vor und nach dem Virus
„Die engagierte Berliner Tunte präsentiert sich nicht in Federn und Pailletten. ‘In Berlin Tunte zu sein, heißt, dass man auch einen politischen Gestaltungswillen hat’, erklärt Ovo Maltine.
1998 kandidierte er als Ein-Mann-Partei für die Bundestagswahl. Ein paar hundert Stimmen hat er bekommen, und die hätten immerhin in seinem Heimatnest für das Amt des Bürgermeisters gereicht. Dafür wird Berlin nun von einem schwulen Bürgermeister regiert, der aber nur als Schlagzeile in Rosa von Praunheims Film "Tunten lügen nicht" präsent ist.
Vier Ikonen der schwulen Berliner Subkultur erzählen, wie es war, und wie es ist, ihr Leben vor und nach dem Virus. Der erste Fummel, die erste Liebe, der erste Sex und die erste Klappe.
Tima die Göttliche sieht nach dem Aufstehen noch etwas verquollen aus. Die Begründerin des Tuntenensembles „Ladies Neid“ ist nicht infiziert, die anderen sind HIV-positiv und demonstrieren Entschlossenheit, autonom zu bleiben. Ovo lehnt Medikamente ab, Ichgola Androgyn (alias Klofrau Klair Grube) will nicht an den Nebenwirkungen zu Grunde gehen, BeV StroganoV versucht, die Zeitbombe unter Kontrolle zu halten und spricht über die Entdeckung der Zärtlichkeit.
In Praunheims Filmen sind sie uns alle schon begegnet (zum Beispiel Tima als Transsexuelle in "Der Einstein des Sex"), hier trifft man sie privat.
Rosa, inzwischen 60 Jahre alt, ist ruhiger geworden. Nach der Agitation, so scheint es, folgt nun eine Art Zwischenbilanz. Offen, unaufgeregt und doch mit Spuren von Bitterkeit und Resignation.“
Von GABRIELE MEIERDING,
Hamburger Abendblatt, 18. 7.


Buch und Regie: Rosa von Praunheim
Produktion: Rosa von Praunheim in Co-Produktion mit dem NDR
Produktionsltg: Martin Knuppe
Kamera: Lorenz Haarmann
Schnitt: Mike Shepard, Bettina Reiser
Ton: Manja Ebert
Redaktion: Dagmar Filoda (NDR)

Darsteller: Ichgola Androgyn, Bev StroganoV, Tima die Göttliche, Ovo Maltine

Deutschland, 2001, 90 Min. DVD, Betacam SP